Wir sind Haching!

Newsarchiv.

08.01.10

Lansche Fahnen

Zwei Handballer mit Leib und Seele.

Zeitungsberichte aus dem Münchner Merkur vom 31.12.09 - mit freundlicher Genehmigung des Münchner Merkurs, der beiden Redakteure Melanie Maunz und Christian Amberg sowie Robert Brouczek (Fotos).

Die Gefahr am Kreis
Johannes „Danger“ Borschel und die Torgarantie

VON MELANIE MAUNZ

Unterhaching – Die Gegner nennen ihn das Schreckgespenst. Johannes Borschel lächelt. „Naja“, sagt der 26-Jährige, „irgendjemand muss halt die Tore machen.“ Johannes Borschel ist Kreisläufer bei den Handballern des TSV Unterhaching. Und was für einer: Kaum ein Spiel, bei dem er nicht über zehn Tore macht. In einem Spiel schoss er mit 17 Toren seine Mannschaft fast alleine zum Sieg.

Regelmäßig warnen die Trainer der gegnerischen Mannschaften ihre Spieler vor dem Torjäger. Doch am Ende hat sich Borschel doch wieder durchgetankt und die Bälle reihenweise im gegnerischen Kasten versenkt. Nicht zu stoppen eben. Wie passend, dass Johannes in der regionalen Handballszene nur als „Danger“ – Gefahr – bekannt ist.

Wie gefährlich er ist, hat er in der abgelaufenen Saison gezeigt. Mit über 260 Toren wurde er am Ende Torschützenkönig der Landesliga Süd. Seine Quote in dieser Spielzeit ist ähnlich. Handballspiele sind ruppig, ein Kreisläufer bekommt dies wohl am meisten zu spüren. Hier wird gehakt, da gestoßen, dort gerempelt. Aber Borschel ist keiner von der zimperlichen Sorte. Er ist kräftig gebaut und stemmt sich gegen die Attacken der Gegner. „Ich hab das Killer-Gen“, sagt er nach dem Spiel beim Siegerbier und grinst dabei.

Im Alter von zehn Jahren hat Borschel mit dem Handballspielen angefangen. Geboren wurde er in Paraguay, seine Mutter war als junge Frau in das südamerikanische Land ausgewandert und kaufte dort eine Farm. Als er sieben war, zog die Familie zurück nach Deutschland, nach Uhldingen am Bodensee. Acht Jahre später ging die Mutter wieder nach Paraguay. Er folgte ihr, als er 19 war, sein Bruder und die Schwester blieben am Bodensee. In Südamerika vermisste Borschel seinen Sport schrecklich. „Ich hab zum Abschied von meinen Mitspielern einen Handball geschenkt bekommen“, erzählt er. „In Paraguay hab ich mir dann aus Holz ein Tor gebaut und immer wieder den Ball reingeworfen.“

Doch das einsame Spiel war ihm auf Dauer doch zu langweilig. Nach knapp drei Jahren zog er zurück nach Deutschland. „Natürlich gab es auch andere Gründe für die Rückkehr, aber Handball spielte definitiv auch eine Rolle.“

Borschel begann in München eine Lehre als Hotelfachmann und kam 2004 zum TSV Unterhaching. Zu Beginn hatte er Pech: Gleich im ersten Training riss sich der damals 21-Jährige das Kreuzband, war lange Zeit verletzt. Doch er kämpfte sich zurück. Erst in der dritten Mannschaft, dann in der zweiten. Schließlich klappte es auch in der ersten. Bald schon fiel er durch seine körperbetonte Spielweise auf. „Ich bin eine taktische Wildsau“, sagt er selber über sich. „Aber ich versuche halt, durch Kampf alles herauszuholen.“ Weil er aber auch einmal höherklassig spielen wollte, wechselte Borschel nach drei Jahren Unterhaching zum Bayernligisten TSV Trudering. „Dort wurde ich unter Wert verkauft, hatte die Rolle des Jokers inne“, sagt der Kreisläufer über sein zweijähriges Gastspiel im Münchner Osten.

2007 kehrte er wieder zurück nach Unterhaching, obwohl er Angebote von höherklassigen Vereinen hatte. „Haching ist wie eine Familie für mich“, sagt der 26-Jährige über die Entscheidung, wieder in der Landesliga zu spielen. „Mit Haching in die Bayernliga aufzusteigen wäre natürlich ein Traum“, sagt Borschel. Aber auch wenn dies nicht klappen sollte, will er dem TSV treu bleiben. „Es müsste schon etwas Krasses passieren, dass ich wieder zu einem anderen Verein wechsle.“

Als Trainer der männlichen B-Jugend und Betreuer der dritten Herrenmannschaft ist er eine zusätzliche Stütze für den TSV. „Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht in der Halle stehe.“ Seine Frau hat Borschel übrigens auch beim TSV Unterhaching kennen gelernt. Siiri spielte in der ersten Damenmannschaft Handball. Im Januar erwarten die beiden ihr erstes Kind. Ob es auch einmal ein Handballer wird? „Keine Ahnung“, sagt „Danger“ und lacht. „Aber ein Kämpfer wird es auf alle Fälle.“

Für Jenny Ludwig ist die Halle ein zweites Wohnzimmer
27-Jährige ist die Führungsspielerin des Petkovic-Teams

VON CHRISTIAN AMBERG

Unterhaching – „Sie ist verrückt.“ Sagt ihr Trainer. „Ja, ich bin verrückt“, sagt sie selbst. Und lacht dabei. Natürlich ist das nett gemeint. Positiv verrückt, was Handball betrifft. Genau deswegen war Jenny Ludwig diese Saison bisher so wichtig für die Frauen des TSV Unterhaching.

Am 5. Januar wird sie 28 Jahre alt, sie gehört damit zu den Erfahrenen im jungen und großteils neu zusammengewürftelten Team von Coach Dragoslav Petkovic, das sich in der Landesliga mit einer beispiellosen Verletztenmisere durch die Saison quält. Angetrieben und motiviert durch wenige verbliebene Routiniers wie sie.

Ein Training verpasst sie nie, das zu gewährleisten war sogar mit ein Grund, weshalb sie den Job gewechselt hat. „Seit ich laufen kann, ist die Halle mein zweites Wohnzimmer“, erzählt Ludwig. Klar, dass die ganze Familie Handball spielte, sie selbst mit sieben Jahren auch anfing und zuletzt in Berlin sogar eine Klasse höher als Landesliga spielte, bis sie vergangenen September aus beruflichen Gründen nach München kam. Unterfordert fühlt sie sich in Unterhaching trotzdem nicht. „Die erste Saison war nicht so einfach, weil man sich erstmal einleben muss. Außerdem waren noch viele erfahrene Spielerinnen da.“

Jenny Ludwig hatte Zeit sich einzugewöhnen und übernahm mehr und mehr Verantwortung. „Eine meiner wichtigsten Spielerinnen“, nennt sie Petkovic, der das Team erst im Sommer übernahm. „Sie ist sehr wichtig für die Mannschaft und ein Vorbild für die jungen Leute. Und sie ist immer da, auch wenn sie krank ist.“ Mittlerweile startet sie als Leaderin bei den Damen I durch, ist Kapitän des Teams, übernahm auch noch das Training der C-Juniorinnen.

„Inzwischen ist das hier eine Herausforderung, die sehr viel Spaß macht. Ich fühle mich als Stütze, was die Motivation angeht. Und dass jeder mit dem gleichen Herzblut dabei ist, kann man nicht erwarten.“ Gefragt war ihr schwer zu bremsenden Engagement vor allem, weil zeitweise eine ganze Mannschaft aus Verletzungs- und Krankheitsgründen ausfiel. Auch vor ihr machte das Pech nicht halt. Gegen Mintraching rammte ihr eine Gegenspielerin ein Knie in den Rücken. 45 dramatische Minuten spielten sich ab, weil Ludwig in der Halle lag und ihre Beine nicht bewegen konnte. „Ich war total geschockt und hatte panische Angst, dass etwas Schlimmeres passiert ist“, erinnert sie sich. Im Krankenhaus wurde später nur eine Prellung festgestellt. Überflüssig zu erwähnen, das sie eine Woche später wieder spielte.

Leaderin Ludwig – eine Handballverrückte, die den Hachingerinnen in ihrer schweren Saison mit einer neuen, jungen Mannschaft gut tut. „Sie kann auf jeder wichtigen Position spielen“, lobt der Trainer ihre Vielseitigkeit. „Wenn sie in der Kabine redet, egal ob vor oder nach einem Spiel oder Training, ist das anders, als wenn andere reden“, streicht Petkovic die Führungsqualitäten der 27-Jährigen heraus. Mit 54 Toren ist sie diese Saison auch zweitbeste Torjägerin nach Monika Baum (ehemals Dießl/72 Treffer). Die gilt auch als handballverrückt – allerdings mit einem feinen Unterschied. Die Sauerlacherin stand kürzlich ein paar Stunden nach ihrer standesamtlichen Hochzeit beim Punktspiel auf dem Feld. „Das“, sagt Jenny Ludwig und lacht wieder, „würde ich nicht machen.“ Dann wäre die Hochzeit doch wichtiger als der Handball? „Nein, ich würde mir fürs Heiraten ein spielfreies Wochenende aussuchen.“